Deutscher Tierärztetag 2018 – Hintergründe und Anmerkungen

Im Vorfeld der Veranstaltung wurden die Zukunfts-Erwartungen praktizierender Tierärzte per Fragebogen-Aktion gesammelt. Die Auswertungen präsentierten verschiedene Referenten dann in den jeweiligen Arbeitskreisen und stellten sie dort zur Diskussion. Im Arbeitskreis wurde dann eine Beschlussvorlage für das Plenum erarbeitet und anschließend allen Teilnehmern des Tierärztetages wiederum zur Diskussion und zur endgültigen Abstimmung vorgelegt.

Die Forderungen der Tierärzteschaft für die nähere Zukunft sind hier nachzulesen. Die Ergebnisse der Fragebogenaktion für den Bereich Nutztierpraxis und die Diskussion im Arbeitskreis, verdienen jedoch eine detaillierte Betrachtung.

Die Auswertung der Fragebögen präsentierten:

Dr. Michael Schmaußer, Rinderpraktiker aus Freising,
Dr. Hermann Block, Teilhaber einer Geflügelpraxis in Uelsen,
Dr. Torsten Pabst, Schweinepraktiker aus Buldern.

Über alle Tierarten hinweg stimmten die Befragten in etlichen Punkten überein: bis 2030 wird die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe sinken, es wird mehr Großbetriebe geben und z. B. kleinere Milchviehhaltungen dürften nur als „Sonnenschein-, Lifestyle- oder (Bio-)Nischen-Höfe“ überleben.

Als Folge der Konzentration erwartet Michael Schmaußer für die Rinderpraxis Anfahrtswege bis 300 km. Thorsten Pabst prognostiziert, dass im Deutschland des Jahres 2030 nur noch 30 Schweinepraxen existieren. Nicht nur die Tierhalter aller Bereiche werden sich stärker spezialisieren, gleiches gilt auch für die Tierarztpraxen. Die kurative Arbeit verliert an Bedeutung, integrierte Bestandsbetreuung und Qualitätssicherung für die abnehmende Hand werden neue Schwerpunkte.

Laut Umfrage (topagrar, Juli 2018) wünschten sich schon heute 65% der Landwirte mehr integrierte Bestandsbetreuung, 50% wissen jedoch nicht, dass Tierärzte genau diese als „integrierte tierärztliche Bestandsbetreuung (ITB)“ anbieten.

In den großen Tierarztpraxen wird es in Zukunft keine Allrounder für alle Tierarten mehr geben, sondern Spezialisten z. B. für Sauen, Mast, Futter/Klima. Mehr Bestandsbetreuung,  Qualitätssicherung und weniger „Feuerwehrmedizin“ bedeutet aber auch, mehr Teilzeitstellen und bessere Arbeits- und Freizeitplanung für die nachfolgende Generation.

Allerdings stellen sich in allen Sparten der Nutztierpraxis dieselben Fragen in Bezug auf den Nachwuchs:

Wie ist es um die „Ersttagskompetenz“ bestellt? Wie kann die Arbeit mit Nutztieren attraktiver gestaltet und den Studierenden besser präsentiert werden? Ist eine frühe Spezialisierung im Studium der richtige Weg? Wie können die Arbeitsbedingungen den Vorstellungen der „Generation Y“ von erstrebenswerter Work-Life-Balance gerecht werden? Sind andererseits Verdienst- und Karriere-Perspektiven für diejenigen attraktiv, die sich eine Praxisnachfolge zutrauen?

Trainingsprogramme müssen her und Praktika, am besten noch vor Studienbeginn (wie es übrigens auch der Arbeitskreis „Kleintiere“ fordert). Nicht nur grundsätzliches Interesse an der Nutztierpraxis sei gefragt, meinte Torsten Pabst, sondern auch Kommunikations-fähigkeit und ein Grundwissen zu den Produktionskosten im landwirtschaftlichen Betrieb. Für den Schweinesektor außerdem praktische Fähigkeiten, wie Besamung, zootechnische Maßnahmen, Reinigung und Desinfektion.

Die Forschung solle in Zukunft stärkeres Gewicht legen auf Bestandsbetreuung, Fütterung, Tierhaltung und Tierschutz, sagte Rinderpraktiker Schmaußer, aber auch auf ökologische Fragen und den Umgang mit stetig wachsendem Druck von Politik und Öffentlichkeit.

Digitalisierung und Datenintegration wird in allen Bereichen stark zunehmen. Eine Vielzahl an Daten wird via Smartphone immer und überall abrufbar sein (auch wenn die von Hermann Block betreuten Geflügelhalter heute noch zu 90% mit Fax arbeiten).

Alle Informationen müssten zukünftig beim Tierarzt zusammenlaufen und Torsten Pabst zählte sie auf: Diagnostische Daten – klinische Daten – Resistenzdaten – Leistungsdaten – Tiergesundheitsindex – Schlachtdaten – Salmonellendaten – Antibiotikadaten – Screeningdaten.

Die Einführung flächendeckender Datenbanksystem für Tiergesundheit und Tierschutz werden für Praxis und Wissenschaft essentiell. Wem und wie umfänglich all diese Daten zugänglich gemacht werden, müsse der Gesetzgeber festlegen. Zu ermitteln, welche Ziele – Lebensmittelsicherheit, Tiergesundheits-Monitoring, Benchmarking, Tierwohl, Tierschutz – gesellschaftlich erwünscht sind, sei Aufgabe der Politik, forderte Moderator Dr. Matthias Link.

Auch Dr. Christoph Brundiers, Leiter des Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamtes des Kreises Steinfurt, prognostiziert größere landwirtschaftliche Betriebe, größere Tierarzt-praxen und entsprechend weniger Ämter mit größeren Einzugsgebieten. Er erwartet eine wachsende Distanz zwischen Praktiker und Amts-Veterinär, weil die Bedeutung der Tierseuchenbekämpfung abnimmt und, bei stetig sinkender Zahl von Schlachtbetrieben, auch die Zusammenarbeit bei der Fleischhygiene. Die Kooperation beim Tierschutz aber würde an Bedeutung gewinnen (Stichwort Tiergesundheitsdatenbank).

Und weil über allem die Frage schwebt: „wollen wir überhaupt noch Nutztierhaltung in Deutschland?“, drängte sich dem Zuhörer stellenweise die düstere Zukunftsvision auf, in der Investoren die wenigen verbliebenen Großpraxen übernehmen, immer mehr tierische Produkte aus Ländern wie Polen und Rumänien importiert werden und am Ende der Tierarzt-Nachwuchs gleich mit.

Dies insgesamt zu verhindern ist die dringendste Zukunfts-Aufgabe für Berufsverbände, Wissenschaftler und Praktiker. Zuallererst müssen sie sich deshalb in der gesellschaftlichen Diskussion zur Nutztierhaltung zu Wort melden. Klar und vernehmlich, als die Tierschützer per se.

Die „Tierärztliche Plattform Tierschutz“ wäre hierfür bestens geeignet.

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